Hayashi Fumiko – Die Schildkröte
Schweren Schrittes stampfte die Schildkröte, die ihr Gepäck auf ihrem Kopf festgebunden hatte, auf ihrer Reise die Landstraße entlang, die ansonsten niemand passierte. Zu beiden Seiten der Straße waren weite Kornfelder.
Über die Kornfelder blies ein sanfter, aber kühler Wind. „Ah, ich bin erschöpft. Wo könnte ich wohl hingehen, um etwas Wasser zu finden?“ Die Schildkröte hob ihren Kopf und schaute sich geduldig die Gegend an.
Von irgendwo her konnte man einen Froschchor hören. Irgendwo in dieser Gegend musste es wohl eine Froschgrundschule geben. Die Frösche sangen mit hoher Stimme. Die Schildkröte nahm das Gepäck von ihrem Haupt, kletterte mit etwas Mühe auf das Geröll und machte dort eine Pause.
„Hey du, du bist so schwer, da brech ich ja zusammen!“
Ein kleines Stimmchen war zu hören. Die Schildkröte kletterte etwas erschreckt von ihrem Stein herunter.
„Ich?“
Vor den Augen der verblüfften Schildkröte tauchte ein kleiner, sich windender Regenwurm auf. Die Schildkröte sagte erschrocken:
„Oh, du hast mich erschreckt!“
Der Regenwurm war noch ein Kind.
„Hey hey, Regenwurm. Gibt es hier in der Gegend etwas Wasser zu trinken?“,
fragte die Schildkröte. Der Regenwurm wand seinen roten Körper und erklärte der Schildkröte: „Schon direkt dort drüben gibt es etwas.“ Der Regenwurm schaute die Schildkröte an, dachte sich, dass er sie in dieser Gegend noch nie gesehen hatte und fragte sie:
„Woher kommst du?“
Die Schildkröte holte ein Zigarettenetui hervor und zündete eine Zigarette an:
„Ich komme von weit, weit her. Ich bin mit der Eisenbahn gekommen und habe zwei Tage gebraucht. Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht irgendwo arbeiten könnte.“
„Also bist du arm.“
„Ja, ich bin arm. Deshalb wollte ich tüchtig arbeiten, etwas Geld sparen und dann wieder zurückkehren…“
„Was arbeitest du denn?“
„Ich habe gedacht, dass ich als Umzugshelfer arbeiten könnte.“
Der Regenwurm fand das wohl komisch und lachte. Er dachte, dass wohl niemand eine alte, langsame Schildkröte bei einem Umzug um Hilfe bitten würde.
„Ich habe seit dem Morgen nichts gegessen und habe Hunger. Gibt es hier in der Nähe ein Restaurant?“
„Hier auf dem Land gibt es kein Restaurant. Hier ist das Dorf der Frösche in der Provinz der Frösche. Nun, da du hierher gekommen bist, geh zur Dorfverwaltung und mach dort eine Meldung.“
„Oh, das hier ist also das Dorf der Frösche…Was für eine Meldung soll ich machen?“
„Du solltest zur Dorfverwaltung gehen und dich kurz dem Dorfvorsteher vorstellen. Deiner Geschichte nach zu urteilen, suchst du vielleicht auch ein Gasthaus.“
„Oh, ist der Dorfvorsteher freundlich?“
„Er ist selten freundlich, aber er ist empfänglich für Schmeicheleien. Und deshalb sollte es ein leichtes sein, wenn du in der Absicht, dies zu tun, dorthin gehst.“
„Es ist ein schönes Dorf, nicht wahr. Es sieht so aus, als ob hier gleichermaßen Reiche wohnen.“
„Ach, es gibt hier kein Geld. Alle sind arm. Weil sie es lieben, zu reden, konferieren hier alle den ganzen Tag nur, ohne zu arbeiten und deshalb gibt es auch kein Geld.“
Der Regenwurm schaute in die grelle Sonne. Der Regenwurm, der einem roten Faden ähnelte, sah für die alte Schildkröte lecker aus. Weil die Schildkröte ihn furchterregend ansah, bekam der Regenwurm Angst und verkroch sich schnell wieder unter den Stein.
„Ich tue dir nichts. Weil ich mich auf einer Reise befinde, führe ich nichts Böses im Schilde. Komm wieder unter deinem Stein hervor!“
„Nein. Du sagst doch vermutlich nur jetzt etwas Nettes und schnappst mich dann, um mich zu fressen. Ich bin müde, also entschuldige mich.“
„Ach, sag so etwas nicht und komm wieder hervor.“
Aber der Regenwurm kam unter keinen Umständen wieder hervor. Die Schildkröte schloss ihr Tabaketui, band wieder ihr Gepäck auf den Kopf und zog schweren Schrittes von dannen.
Schweren, schweren Schrittes lief sie immer dieselbe Straße entlang, irgendwann aber wurde es ihr in der sengenden Sonne zu heiß und sie konnte es nicht mehr ertragen. Sie wünschte sich schnell etwas zu trinken. Als sie sich dem Dorfeingang näherte, stand dort eine wahre Stadt der Frösche. Verschiedene Läden tauchten vor ihren Augen auf. Aber das, was sie sich wünschte, gab es nicht ein einziges Mal. Froschkinder, Froschmänner und -frauen sahen die sich langsam in die Stadt bewegende Schildkröte, waren sehr erstaunt und sammelten sich an der Straße.
„Ich möchte gerne zum Rathaus. In welche Richtung muss gehen?“,
fragte die unruhig umherschauende Schildkröte. Die Frösche sahen die schäbige Schildkröte, die ihr Gepäck auf den Kopf gebunden hatte und die Straße entlanglief und fingen an zu lachen.
„Dort kommt ein fürchterliches Ding. Woher kommt es wohl? – Hey hey, verschließt schnell die Türen im Dorf, seid vorsichtig, dass sie nichts klaut…“,
sagten die boshaft scheinenden Frösche mit lauter Stimme. Die Kinder rannten zurück nach Hause. Weil niemand ihr den Weg zum Rathaus zeigte, stand die Schildkröte ratlos da. Auf Nachricht eines Kindes hin, kam ein Froschpolizist.
„Hey hey, wo kommst du her?“
„Ich bin mit dem Zug gefahren, habe zwei Tage gebraucht und bin hierher gekommen. Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht irgendwo arbeiten könnte.“
Der Polizist zückte seinen Notizblock und hielt alles fest.
Die Schildkröte antwortete schwitzend.
Da kam ein Froschlehrer vorbei und begleitete die Schildkröte zum Rathaus. Der Lehrer hatte Mitgefühl mit der Schildkröte.
„Die Leute dieses Dorfes wissen nichts über die Welt. Sie glauben vermutlich alle, dass es nichts so Bedeutendes wie sie selbst gibt. Wenn die Felder bewässert werden, wird in absehbarer Zeit der Kampf der Frösche anfangen. Das wird schlimm werden und deshalb bin ich, obwohl ich es niemals wollte, mit meiner Frau und meinem Kind in die Berge geflohen…“
„Oh, das hier ist ein interessanter Ort, nicht wahr?“
Als sie endlich vor das Rathaus gelangten, machte sich der Froschlehrer auf den Heimweg und verabschiedete sich, auf dass man sich noch einmal wiedersehe.
Schweren Schrittes ging die Schildkröte in das Rathaus der Frösche hinein. Vor dem Zimmer des Dorfvorstehers hatte sich eine Schlange gebildet mit einigen Reisenden, wie der Schildkröte, die warteten. Dort war eine Schmetterlingsraupe, die einen Sonnenschirm trug, ein kleines Schlangenkind, das sich verlaufen hatte, eine alte Maulwurfsdame, die einen Korb auf den Schultern trug und Spatzeneltern mit Kind, die Hüte trugen.
Als die Schildkröte hereinkam, wurden die Schmetterlingsraupen vom Dorfvorsteher hereingerufen.
Nach einer kurzen Weile kam das Schmetterlingsraupenmädchen mit vor Tränen geschwollenen Augen wieder heraus. Danach wurde die verirrte kleine Schlange aufgerufen, aber auch sie wurde sofort von zwei furchterregenden Wächtern wieder hinausgeleitet und die kleine Schlange wurde vor allen anderen in einen Drahtzaun gesteckt. Die alte Maulwurfsdame hatte in Sojasoße gebratene Wasserläufer dem Dorfvorsteher zum Geschenk gemacht und kam lachend wieder heraus. Die Spatzenfamilie redete eine lange Zeit mit dem Dorfvorsteher und kam auch munter wieder heraus.
Dann war die Schildkröte an der Reihe.
Ihr Herz pochte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, damit sie vom Dorfvorsteher gemocht würde.
Als sie ängstlich das Zimmer des Dorfvorstehers betrat, saß dieses auf einem Stuhl und hatte eine Brille auf.
„Ich bin eine Schildkröte aus dem Dorf des Schildkrötenteiches. Von fern her bin ich in das Dorf der Frösche aufgebrochen.“
„Hm, und was für ein Ort ist das Dorf des Schildkrötenteichs?“
„Es gibt einen großen Teich dort und viele Fische. Aber weil es dort keinen Ort zum wohnen gibt, bin ich hierher gekommen und habe mich gefragt, ob es nicht vielleicht eine Arbeit für mich hier gäbe.“
„Bist du ein guter Redner?“
„Redner?“
„Ja.“
„Ich habe noch nie in meinem Leben eine Rede gehalten. Weil ich seit meiner Geburt nur schweigend gearbeitet habe, kann ich nicht gut reden.“
„Nun, da du in dieses Dorf gekommen bist, kann es nicht sein, dass du keine Reden halten kannst. Wenn man keine eigene Meinung hat, ist es nicht gestattet, hier zu wohnen.“
„Dann habe ich ein Problem. Ich kann bloß arbeiten, aber unter keinen Umständen reden.“
Weil die Schildkröte kein Geld bekam, musste sie das Dorf der Frösche niedergeschlagen wieder verlassen.
Als es Nacht wurde, schien der schöne, runde Mond über das Kornfeld. Die hungrige Schildkröte kehrte schweren Schrittes wieder zu dem Ort zurück, an dem der Regenwurm war.
„Guten Abend, Herr Regenwurm.“
„Oh weh, was ist denn mit dir los, alte Schildkröte?“
„Ich bin aus dem Dorf der Frösche vertrieben worden und zurückgekehrt.“
„Das tut mir sehr Leid…“
„Ich habe meine Augen bereits begraben.“
Die Schildkröte nahm ihr Gepäck ab, zog ihre Beine und ihren Kopf ein und kauerte sich auf das Geröll. Aus der Nähe waren die lärmenden Reden der Frösche zu hören.
Die Schildkröte bestäubte ihren trockenen, harten Panzer mit Staub und trat ein in die Welt eines nebulösen Traumes.